„Geh’n Sie mal bitte nicht so schnell“

WIS-Mitarbeiter machen prägende Erfahrungen im Alterssimulations-Test 

WIS-Mitarbeiter im Alterssimulationsanzug beim Treppen steigen, in Begleitung der angehenden Altenpflegerinnen S. Trägner (li.) und J. Kulling (re.)

WIS-Mitarbeiter im Alterssimulationsanzug beim Treppen steigen, in Begleitung der angehenden Altenpflegerinnen S. Trägner (li.) und J. Kulling (re.)

Wie wird das Alter? Eine Frage, die sich fast jeder schon einmal gestellt hat, aber wohl selten beantworten konnte. Eine bessere Vorstellung davon haben jetzt Mitarbeiter der WIS Wohnungsbaugesellschaft im Spreewald mbH. Um ihr Verständnis für die Bedürfnisse ihrer älteren Mieter zu erhöhen, haben sie sich freiwillig 40 bis 60 Jahre älter gemacht. 

Durch einen Alterssimulationsanzug, der insgesamt 35 Kilogramm Gewicht auf den Körper legt, haben die Probanden tatsächlich das Gefühl, 80 Jahre alt zu sein. Im Einzelnen werden dafür Bandagen und Gewichte um Hand- und Fußgelenke, sowie um Ellenbogen und Knie geklettet, Handschuhe angezogen sowie eine Körperweste, die allein schon 30 Kilo wiegt, umgehängt. Spezielle Brillen simulieren den Grauen Star oder wahlweise andere Augenerkrankungen. Dicke Kopfhörer verschlechtern das Hören um mindestens die Hälfte. „Die körperlichen Beeinträchti-gungen sind schon unangenehm“, empfindet Diana Krüger, Prokuristin der WIS. 

Die mit den Beschränkungen verbundenen Verhaltensweisen älterer Menschen stellen sich automatisch ein: man wird ruhiger, weil man nichts versteht und langsamer, weil man viel schlechter sieht und darum Angst hat irgendwo gegen zu laufen oder gar zu stürzen. „Geh’n Sie mal bitte nicht so schnell!“, ruft Mieterbetreuerin Simone Haase. Dass sie lauter als sonst spricht ist ihr bewusst. Für die angehenden Pflegekräfte ist das normal. „Gehen Sie voraus. Wir passen uns ihrem Tempo an“, erwidert Johanna Kulling langsam und deutlich, in ihrer Lautstärke der Probandin angepasst. Die 25-Jährige absolviert die Ausbildung zur Altenpflegerin. „Es ist ein Beruf der nie ausstirbt“, bekennt sie. Ihre Mitschülerin Sarah Trägner hat den Beruf „aus Nächstenliebe“ gewählt. „Die älteren Leute und auch die Angehörigen sind so dankbar“, weiß die ebenfalls 25-Jährige zu schätzen. Beiden ist anzumerken, dass sie ihren Job gerne machen.

Die jungen Frauen und ihre Mitschüler und Mitschülerinnen der Altenpflegeschule im AWO Bil-dungszentrum Lübbenau/Spreewald haben den Alterssimulationstest schon oft auf Pflegemessen und Festen durchgeführt. „Wir sprechen gerade jüngere Leute an es auszuprobieren, damit sie merken wie Oma und Opa sich fühlen“, so Sarah Trägner. Die WIS-Mitarbeiter, die den Test gemacht haben wissen es jetzt jedenfalls. „Das Schlimmste ist, dass man nichts sieht“, sind sich alle einig. Die daraus resultierende Unsicherheit im Treppenflur war allen anzumerken. „Und das ist nur eine Simulation“, bemerkt der angehende Altenpfleger Julius Sawotnik, „in der Realität kommen noch Schmerzen und/oder Herzschwäche dazu.“

„Gerade aus zu gehen war beschwerlich. Alleine einkaufen und Überweisungen tätigen wären mir so nicht mehr möglich“, erklärt WIS-Geschäftsführer Michael Jakobs. Er ist sich sicher, für zukünftige Bauprojekte wesentliche Erkenntnisse mitzunehmen: Im Aufzug müssten leuchtende, große Tasten angebracht sein. Treppenstufen wären durch Leuchtstreifen oder farblichen Akzenten ebenfalls besser zu erkennen. „Bei jeder Baumaßnahme haben wir den Ansporn, wieder ein Stück besser zu werden. Wir orientieren uns stets am aktuellen Stand der Technik“, berichtet Michael Jakobs. „Bei unserem aktuellen Vorhaben, mit dem Arbeitstitel „Wohnen an den Gärten“ in der Robert-Schumann-Straße möchten wir den Bedürfnissen der älteren Menschen mit dem Thema Smart Home, also mit gewissen technischen Assistenzen begegnen und wir werden definitiv unsere Erfahrungen der Alterssimulation einfließen lassen“, erzählt er weiter. Ein Concierge soll in dem geplanten Objekt als erster Ansprechpartner Sicherheit und Hilfe bieten. Im Gemein-schaftsraum können die Mieter zusammenkommen. Der Austausch mit anderen Menschen stelle eine Entlastung im Alter da, wie von den angehenden Altenpflegern zu erfahren war. „Die Alterssimulation sollte jeder einmal gemacht haben. Die Erfahrung trägt zu einem besseren Verständnis bei und verbessert automatisch das Miteinander in der Gesellschaft“, befindet der WIS-Chef.